Zeiten des Mythos

Raffaela Rondini

 

Am Pergamonaltar – oder besser, da man ihn für eine Weile nicht besichtigen kann, der visuellen Vorstellung von ihm – kommt der feierliche Moment, an dem einer der Mythen über die antike Welt ins Wanken gerät, demzufolge in der Antike alles weiss und rein ausgesehen hätte. Die Antike war in Wirklichkeit viel bewegter als die ästhetische Projektion, die wir uns von ihr geschaffen haben.

Immer wieder hat die Geschichte und die Kunstgeschichte die Antike idealisiert und sehnsüchtig ihre Perfektion heraufbeschworen. In der Schule will man uns weismachen, alle hätten damals perfekt Latein und Griechisch gesprochen, mit allen Deklinationen, oder alle wären mehr oder weniger Philosophen oder doch ehrbare Bürger gewesen. Eigentlich weiss man aber, dass das so nicht stimmt. Oder man hört, das antike Griechenland sein demokratisch gewesen, bloss weil Herodot als erster das Wort Demokratie benutzt hat.

Dieser Gedanke bezieht sich bekanntlich auf den historischen Moment, als mit den modernen Reformen Solons die Aristokratie ihre Privilegien weitgehend an die Händler und Bauern verlor. Die Reformen führten aber sogleich ins Chaos und in die Tyrannis des Peisistratos, eines Aristokraten. Jedenfalls erhielten Sklaven, Frauen, Metöken und Fremde, also 85% der Bevölkerung, niemals irgendwelche Rechte. Natürlich sind von den antiken Kulturen wunderbare Werke auf uns gekommen, von denen viele in wesentlichen Aspekten die Jahrhunderte überdauert haben. Deshalb waren Historiker langezeit von dem Ideal eleganter Schlichtheit der antiken Völker überzeugt.

So dachte man noch im 18. Jahrhundert, „klassisch“ sei gleichbedeutend mit schlichter Finesse. Der Klassizismus des 18. Jahrhunderts war inspiriert von der Reinheit der Formen und dem makellosen Weiss des griechischen und römischen Marmors. Zu einer Zeit, als es noch keine Röntgenstrahlen gab, konnte oder wollte man die Reste der knalligen Farben nicht wahrnehmen, mit denen antike Statuen und architektonische Elemente überzogen waren. Dass die klassische Plastik, inklusiv des Pergamonaltars, oft ganz bunt war, geradezu geschminkt, mit künstlichen Lidern und Haaren überall, ist eine relativ neue Entdeckung, und ein schwerer Schlag für unsere nüchternen Vorstellungen. All die schönen klassizistischen Kunstwerke wie beispielsweise die weißen Marmorskulpturen in der Alten Nationalgalerie, sind dann sozusagen eine Blendung, ein Missverständnis, das mit dem safrangelb der Wände kontrastiert.

Der elegante Klassizismus – Kronos, der Gott der Zeit, mag uns segnen oder verdammen – ist der klassische Fall  einer historischen Täuschung.

Ein weiterer Mythos wäre die zwanzigjährige Dauer eines absolutistischen Monotheismus in der ägyptischen Stadt Amarna, der mehrere Säle des Neuen Museums gewidmet sind.

Das polytheistische Reich war korrupt und erschüttert von den Intrigen der Priesterkaste, als der Gatte der berühmten Nofretete, Pharao Amenophis IV, mit einem Handstreich eine regelrechte Diktatur einführte, aber auch die erste bekannte monotheistische Religion. Er nahm dann den Namen Echnaton an, was der Aton dient bedeutet. Von dem Moment an hatte nur der Pharao und seine Familie Zugang zum Sonnengott Aton, das Volk war religiöser und politischer Unterdrückung unterzogen, um Revolten und eine Fragmentierung der Macht zu verhindern. Der ketzerische Herrscher war also keineswegs von seinen Untertanen geliebt, seine einzige Gefolgin war seine Frau Nofretete, aber die war immerhin eine Schönheit.

( Übersetzt von Christoph Timpe )

3 Jahren vor