Nachsatz – Zurückfordernde Zeiten

Raffaela Rondini

Wie wir sahen, sind viele Meisterwerke von den Bomben der Alliierten zerstört worden, andere sind verschwunden, manche sind in anderen Museen der Erde wieder aufgetaucht, und viele sind Berlin zurückgegeben worden.

Bleibt der Ordnung willen zu hoffen, dass weitere Schätze, die uns besonders lieb sind, den Weg zurück auf unsere Insel finden.

Wem gehört die Kunst? Und wem gehören, im Besonderen, die einzelnen Kunstwerke, die bisweilen auf astronomische Ziffern geschätzt werden oder manchmal schlicht unschätzbar sind?

Gilt das Gesetz des Besitzes, das Naturgesetz, das des Landes oder einfach das des Stärkeren? Wir haben schon bemerkt, dass jedes Aufflammen nationalistischen Stolzes am Firmament der Menschheitsgeschichte nichts als Wunden und schwelende Krusten produziert hat.

Die Kunst gehört mit allem drum und dran den Geschehnissen der Menschheit an, sie ist Tochter dessen, der sie hervorbringt ebenso sehr wie dessen, der sie großzieht.

Denkt man an die existentiellen Nöte eines Großteils der modernen Künstler und an ihr häufig mühevolles und entbehrungsreiches Leben, erhebt sich im sozialen Gewissen das ausgleichende Bedürfnis, wenigstens posthum Würde und Ehre zu zollen, indem ihre Werke erhalten und gepflegt werden, wo immer sie sich befinden.

Oft haben wir sehr zu Unrecht den einen oder anderen Künstler als Misantrop oder Verrückten abgeurteilt, während er doch dem Empfinden seiner Zeitgenossen schlicht eine Generation voraus war und daher nicht verstanden wurde. Hatten wir dann den historischen Wert eines Stückes oder Kunstwerks verstanden, wollten wir das Stück besitzen und uns nicht mehr von ihm trennen.

In anderen, dramatischen Momenten wurden ganze Sammlungen verkauft, oder öfter noch eilig verscherbelt oder haben sonst wie auf ominöse Art den Besitzer gewechselt. Wenn es stimmt, dass nichts ewig und für immer ist, dann versteht man auch, dass die Werke in Bewegung sind wie die Erde um die Sonne, dass florentinische Madonnen in Berlin Wohnrecht haben, dass die schönste Frau Berlins Ägypterin ist, dass die gesamte westliche Welt auf unserer Insel die islamischen Gebetsnischen bewundert und der Schatz des Priamos nach Moskau abgewandert ist, um die Sieger des letzten Krieges ein wenig zu trösten. Warum auch nicht? Alles geht und kommt zurück, wie kosmische Zyklen. Die Szene ist immer dieselbe, eine große, unendliche, wenngleich fehlbare civitas humana in einer großartigen globalen Inszenierung.

Und wenn es stimmt, dass wir alle wenig mehr als ein Hauch in der Ewigkeit sind, warum sich auf Ansprüche versteifen, die doch nur sinnvolleren Beschäftigungen die wertvolle Zeit stehlen?

Unsere Hauptsorge sollte vielmehr sein, die Kunst, unsere Kreatur, zu beschützen und zu respektieren, wo immer sie sich befindet.

( Übersetzt von Christoph Timpe )

2 Jahren vor