Ein kurzer Abriss der Hygiene.

Strobel Rondini
Foto: Warren Blake

 

Heidi Strobel ist Filmjournalistin und Literaturwissenschaftlerin, schreibt seit 2005 über Literatur und Film für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften. Zudem lehrte und forschte sie an der Humboldt-Universität zu Berlin sowie an der Freien Universität Berlin.

Noch ist die Rate der Ansteckungen mit dem Corona-Virus klein. Dass die Lockerungen der Pandemie-Maßnahmen diesen Erfolg nicht zunichte machen, setzt voraus, dass sich die Deutschen auch weiterhin an die empfohlenen Hygiene- und Abstandregeln halten. Wir, das deutsch-italienische Autorenteam Raffaela Rondini und Heidi Strobel, haben das Thema Hygienemaßnahmen und Reinlichkeit einmal von einer kulturwissenschaftlichen Warte aus betrachtet.

Raffaela: Seit einigen Wochen empfiehlt man uns, unsere Hände so oft wie möglich zu waschen und zwar so lange, bis wir zweimal Happy Birthday gesungen haben.

Heidi: Die schweizerische Zeitung NZZ rätselt darüber, warum die Deutschen die Krise so gut im Griff zu haben scheinen.

Raffaela: Ich kann mir schon vorstellen, warum das so ist.

Heidi: Laut des Gesundheitsökonomen Rychlik sei einer der Gründe dafür, dass die Deutschen Hygiene und Gesundheit für sehr wichtig erachten würden.

Raffaela: Habe ich mir gedacht.

Heidi: Ich zitiere mal den Experten: „Das Händewaschen mit Seife musste man uns nicht erst beibringen.“ So sei am Anfang auch nicht das Toilettenpapier ausverkauft gewesen, sondern das Desinfektionsspray.

Raffaela: Zum Glück habe ich dieses Weihnachten Wodka geschenkt bekommen, dabei trinke ich gar keinen Alkohol.

Heidi: Ich bin mir nicht so sicher, ob diese Expertenmeinung für alle Deutschen zutrifft.

Raffaela: Nun, sich die Hände zu waschen, tut bestimmt gut, besonders wenn man es im richtigen Moment macht.

Heidi: Ich frage mich nur, warum der Berliner Senat vor Jahren schon die öffentlichen Toiletten mit Anleitungen zur Händehygiene versehen hat? Und wieso fehlt nach der stufenweise Wiedereröffnung der Schulen ausgerechnet Seife?

Raffaela: Man sagt, dass die Deutschen in allem was sie tun, doch sehr genau sind.

Heidi: Na im Falle der Anleitung scheint es mir eher so, als würde man davon ausgehen, dass die Deutschen gerade nicht wüssten, wie man sich richtig die Hände wäscht. Oder man wollte, das die Leute penibler bei der Sache sind, weil man damals das warme Wasser abstellte. Schon seit Jahren kann man lesen, dass die Hygiene an Berliner Schulen beklagt wird. Ich frage mich, ob nur wieder mal die Hauptstadt Probleme mit der Hygiene hat, weil man hier bekanntermaßen ja doch etwas wurstig und desorganisiert vorgeht. In Süddeutschland sieht es sicher anders aus. Aber wenn ich mir dann die Zahlen des Robert-Koch-Instituts ansehe. So fangen sich bezogen auf die Einwohnerzahl im Europadurchschnitt in Deutschland mehr Menschen eine Infektion in der Klinik ein als anderswo, von 100.000 Patienten sind das 500 bis 650 Leute, sonst 450 bis 500.

Raffaela: Bei allem Respekt für das Robert-Koch-Institut, aber jetzt im Umgang mit dem Corona-Virus machen mich diese Zahlen der vergangenen Wochen verrückt. Ich glaube, viele Parameter sind nicht überschaubar und die Statistiken greifen nicht alles. Jedenfalls haben wir jetzt verstanden, dass wir mit unseren Händen nicht die Nase, den Mund und die Augen berühren sollen, und dass wir in die Armbeuge niesen und husten sollen. Zweimal Happy Birthday zu singen bringt auch gute Laune, Hauptsache natürlich nicht übertreiben, sonst leiden unsere Haut und unsere Nerven.

Heidi: Absolut. In der Psychologie versucht man die Leute gerade davon zu heilen, sich exzessiv die Hände zu waschen. Doch wann ist es zu viel? Wann ist es zu wenig? Wann ist das Maß erreicht, dass man von einem Waschzwang sprechen müsste? Natürlich gibt es dafür Kriterien. Aber was nach Neurose aussah, wird jetzt zum Gebot der Stunde, die Neurose wird sozusagen Normalität. Laut der psychoanalytischen Theorie drückt sich darin ein Beziehungskonflikt aus. Jemand versucht sich von einem Beziehungsobjekt zu lösen, traut sich dann aber doch nicht, es zu tun. Da wird dann das Objekt auch wie eine Art Virus erlebt, das dem Subjekt mehr und mehr seine Kraft raubt.

Raffaela: Allerdings ist Hygiene ja auch Luxus, ein Status-Symbol.

Heidi: Meinst du die Seife ist teurer geworden?

Raffaela: Na ja, wenn du mit weniger als 2 $ pro Tag auskommen musst, dann ist Seife doch ganz schön teuer. Und das betrifft rund 700 Millionen Menschen, die Hälfte davon Kinder.

Heidi: Das betrifft unsere Länder aber nicht, wenngleich das sehr misslich ist.

Raffaela: Ich nenne dir jetzt noch eine, wenn auch veraltete, Zahl: jedes Jahr sterben weltweit aufgrund von mangelnder Hygiene und verunreinigtem Wasser etwa 2,5 Millionen Neugeborene, 300.000 Entbindende und 300.000 Kinder unter 5 Jahren.

Heidi: Hier trifft der italienische Fluch: Porca miseria! im Sinne eines schmutzigen Elends mal wirklich zu.

Raffaela: Am Gründonnerstag war in den italienischen Sozialen Medien ein Witz im Umlauf: Heute gehe nur Pontius Pilatus vor die Tür, weil er der einzige sei, der sich die Hände gewaschen habe. Der hatte ja bekanntlich seine Hände in Unschuld gewaschen, obgleich er für den Tod Jesu verantwortlich war. Auf italienisch bedeutet der Ausdruck lavarsene le mani noch heute, sich aus einer unangenehmen Situation herauszunehmen.

Heidi: Und wer nimmt sich derzeit raus?

Raffaela: Viele Italiener sind ziemlich kreativ und freundlich, zeigen einen ausgeprägten Drang, neue Wege zu finden, besonders wenn sie verboten sind. Die Staatsanwälte von Mani Pulite (zu deutsch: saubere Hände) führten deshalb in den Neunzigern einen Krieg gegen die allgemeine Korruption und gegen die Mafia. Sie feierten viele Siege, dabei wurden aber auch maßgebliche Richter und andere Menschen, deren Hände zu sauber waren, ermordet.
Mit Mani Pulite verwandelte sich Italien von der Ersten Republik in die sogenannte Zweite Republik, aber ohne dass sich die Regierungsform verändert hätte, doch im reinsten Bewusstsein, dass unser Land eine Befreiung von Bestechung und einer schlechten Regierung nötig habe. Vergessen wir, was danach passiert ist.

Heidi: Aktuell darf man dabei zusehen, wie wegen der Corona-Krise alte Mafia-Bosse vorzeitig aus der Haft entlassen werden. Das ist schon gruselig. Und wie immer widersprüchlich. Geht man in einen italienischen Supermarkt, soll man sich zum Anfassen des Obsts und Gemüses Plastikhandschuhe anziehen, weil man seine Tomaten oder Aprikosen nicht mit Tausenden von Fingerabdrücken haben will. Hierzulande wird trotz des Virus immer noch mit schniefender Nase an Kräutern geschnuppert, um Petersilie von Koriander unterscheiden zu können.

Raffaela: Nun, Petersilie von Koriander durch den Geruchssinn unterscheiden zu wollen, finde ich nicht besonders kriminell, heutzutage könnte das jedoch gefährlich werden. Manche neigen dazu, das Virus, wie etwa Donald Trump, als Bio-Waffe zu interpretieren. Diese Ideen fallen ja in eine Art von Denken aus dem Jahr 1915 zurück, da argumentierte Marinetti im Manifest des Futurismus, dass der Krieg die einzige Hygienemaßnahme in der Welt sei. Danach erfolgte eine sehr spezielle Reinigung: Zwei Weltkriege hinterließen 70 Millionen Tote.

Heidi: Wo siehst du da die Ähnlichkeiten im heute tobenden, wie es so schön heißt, ‚Kampf gegen das Virus’?

Raffaela: Na ja, unsere Hygiene hat schon viele Makel. Das sehen wir heute noch. Frei nach dem Motto: Jeder wäscht seine Hände in seinem eigenen Staat in Unschuld, egal, was jenseits der Staatsgrenzen passiert.
Hegel hatte schon 1821 behauptet, dass der Friede nur Zufall sei. Die Staaten würden ihre unterschiedlichen Interessen verfolgen, die sie durch den Krieg regeln würden. Die internationalen Organisationen, die über keine Armee verfügen würden, seien nicht in der Lage, ihre Belange durchzusetzen.

Heidi: In den sechziger Jahren wurde genau diese Art von Hygiene Zielscheibe der Kritik. Für die Studentenbewegung wurde das ‚Säubern’ oder das ‚Reine’ zu Sinnbildern einer ‚Verhaltenslehre der Kälte’. Sie wünschten sich eine Gemeinschaft, die durch Nähe und Wärme hergestellt würde und in der sich die Menschen so selbst verwirklichen, kreativ sein konnten. Eine Utopie, die sich so nicht verwirklichen ließ. Was wünschst du dir für unsere nahe Zukunft?

Raffaela: Ich denke, dass in einigen Wochen der Lavendel blühen wird, nicht nur in der Provence, sondern auch im Piemont, in Ligurien, in der Toskana sowie weiter unten, auf dem ganzen italienischen Stiefel. Danach wird er auch in Deutschland blühen und seinen Duft vielleicht auch bis hierher nach Berlin wehen. Und du, was erhoffst du dir für die Zukunft?

Heidi: Ich denke, dass Distanz notwendig ist, um ein autonomes Individuum zu sein und gesund zu bleiben. So fände ich es nicht schlecht, wenn sich die Menschen zukünftig gegenseitig mehr Raum zugeständen, auch in einem ganz praktischen Sinn: mehr Diskretion und Rücksichtnahme üben würden.

1 Jahr vor