Das antike Ägypten

Raffaela Rondini

Die ägyptische Kultur war zweifellos ein der bedeutendsten und faszinierendsten der Antike. Möglicherweise ist das der Grund, warum sie aus den Lehrplänen der Schüler des Landes Brandenburg verschwindet.

Das ist kein Widerspruch und noch weniger eine Kritik, legt ein bisschen Lebenserfahrung doch den Verdacht nahe, dass es sich hierbei um eine Strategie handelt, mit der schlaue Didaktik-Experten das Interesse der Schüler wecken wollen.

Alles was ausgeblendet wird, weckt bekanntlich bei Groß und Klein eine geradezu krankhafte Neugier. So werden unsere Kinder vielleicht ganz unbewusst zu begeisterten Ägyptologen, denn sie könnten meinen, Ägypten sei so etwas wie Virtual Reality, Science Fiction, oder gar ein Tabu.

Der Saal 111 des Neuen Museums, gleich am Eingang rechts, heißt nicht zufällig Prolog. Hier erfährt man, dass es im Lauf der Jahrhunderte immer wieder Wallungen der Ägypten-Begeisterung gegeben hat. Schon die alten Römer nahmen diverse Obeliske als Andenken mit nach Hause, die Renaissance hat die ägyptische Kultur dann wiederentdeckt, der Deutsche Athanasius Kircher versuchte im 17. Jahrhundert hartnäckig, die Hieroglyphen zu entziffern, die Expedition Napoleons verbreitete den Enthusiasmus über ganz Europa, zusammen mit serienmäßig gefertigten Einrichtungsgegenständen und Porzellan von pharaonischem Gusto, bis hin zur Entzifferung der Schrift durch Jean-François Champillion im Jahr 1822, und die Leidenschaft des Berliners Richard Lapsus, der erreicht hat, dass diese große Sammlung in seiner Stadt zusammengetragen wird…

Und es sieht ganz so aus, dass im 21. Jahrhundert in Berlin die nächste Welle der Ägypten-Leidenschaft ausbricht.

Die Ägypter trennten nicht wirklich zwischen Leben und Tod und hielten die Zeiten für eine endlose Abfolge von Zyklen. Dank ihrer Begeisterung für ägyptische Kultur könnten unsere Kinder dann von diesen Herren der Zeit den Hang zur Unendlichkeit übernehmen. Die Menschheit hätte so ein für alle mal die Einschränkungen der linearen Zeit überwunden.

Man könnte das als sinnlose Spekulation abtun, aber man darf dabei die praktischen Auswirkungen auf lokaler Ebene nicht aus den Augen verlieren.

Unsere Kinder hätten anfangs einen hemmungslosen Drang nach archeologischen Grabungen, und da sie auch in Erdkunde nicht sehr weit sind, würden sie gleich in Brandenburg nach Spuren einer pharaonischen Vergangenheit suchen. Die sinnlosen Ausgrabungen würden sie dann ganz nachhaltig dazu verwenden, Pyramiden mit zahllosen Räumen für ihren Weg ins Jenseits zu errichten. Auf diese Weise wäre der berüchtigte Berliner Immobilienbedarf für alle Zeiten gedeckt, zur Freude globaler Investoren.

Wer weiß, vielleicht ist das der tiefere Sinn hinter den weitsichtigen Lehrplänen der Schule.

Im Neuen Museum werden die Funde der ältesten Kulturen ausgestellt, und das Alte Ägypten ist prominent vertreten.

Bei Ägypten denkt man immer gleich an die Pyramiden, aber das Alte Ägypten umfasst eine Geschichte von mehreren Jahrtausenden, was unseren engen zeitlichen Horizont erweitern und uns die Weite der Zeiträume näherbringen sollte.

Der Saal 109 hat den Namen Dreißig Jahrhunderte und bietet einen Überblick über drei Jahrtausende ägyptischer Geschichte, aber dreitausend Jahre sind bekanntlich für Ägypten nicht sehr viel. Die Pyramiden sind in einer besonders fruchtbaren und glücklichen Zeit zwischen 2700 und 2200 v. Chr. entstanden, aber die Kultur hatte am Nil schon viel früher begonnen, ganze 25.000 Jahre vor Christus. Jüngsten Forschungen zufolge sogar schon in der Altsteinzeit, und sie dauerte weit über die Zeit der Pyramiden hinaus.

Auf die Zeit der Pyramiden folgte das Mittlere Reich, Jahrhunderte hoher Blüte der Literatur, danach das Neue Reich mit seiner politischen und territorialen Expansion, und schließlich die Spätzeit, drei Jahrhunderte vor Christus, in der diese große und langlebige Kultur massiven Eroberungen erlag.

Die Historiker haben bisher innerhalb dieses Zeitraums 31 Herrscherdynastien ermittelt.

Im Alten Museum sind die Fundstücke der ägyptischen Kultur in ihrer ganzen Breite auf drei Etagen ausgestellt.

Untergeschoss, Erdgeschoss und erster Stock sind größtenteils dem Alten Ägypten gewidmet, der Rundgang erfolgt chronologisch von unten nach oben. Im Untergeschoss erinnern Gewölbe aus dunkelroten, flachen Ziegeln an Krypten und Grüfte. Starrende Katzen, Krokodile und Schlangen erzählen vom täglichen Leben der frühesten Zeit, einer Zeit in der Katzen, Krokodile und Schlangen gefürchtet und verehrt wurden wie Gottheiten. Sarkophage verschiedenster Form machen deutlich, wie wichtig es war, für die Reise ins Jenseits gut ausgestattet zu sein. Damals waren bunte Edelsteine sehr verbreitet, Türkis aus dem Sinai, hellgrüner Malachit, afghanischer Lapislazuli, roter Karneol aus der Wüste…

Später kam dann die Zeit für Porphyr, Alabaster, Amethyst, Glaslava, dem frischen Bergkristall und dem warmen Granat…

Aus dem Neuen Reich sieht man vor allem die Farben weiss, grün, rot und blau, sowie Keramik, denn die Einfuhr von Edelsteinen wurde offenbar immer schwieriger.

Als Höhepunkt der ägyptischen Geschichte ist im vielbesuchten Saal 210 die berühmte Büste der Königin Nofretete ausgestellt. Ihr Bild ist geradezu ein Emblem der Museumsinsel, ja aller Museen der Stadt.

Was lässt sich über Nofretete noch sagen, was nicht schon lang und breit erzählt worden wäre? Nichts. Am besten man betrachtet still die perfekte Schönheit, die alle Moden und Zeiten unbeschadet überstanden hat.

Ihr Entdecker, der Archäologe Ludwig Borchard, merkte 1912: “ Beschreiben nützt nichts, ansehen!“ Borchards Gönner und Unterstützer James Simon hat die Königin lange bei sich in der Tiergartenstrasse gehabt, bevor er sie dem Museum vermachte.

Die Regeln der Schönheit sind wahrscheinlich viel festgelegter als wir meinen, offenbar liegen ihr strenge geometrische Proportionen zugrunde.

Die Harmonie einer Büste entsteht durch viele kleine Details: langer Hals (der hervorstehende siebte Halswirbel der Königin, sagt man, sei ein untrügliches Merkmal aristokratischer Schönheit), hohe Wangenknochen, gerade Nase, zierliches Kinn, der weite Bogen der Augenbrauen, der perfekte Sitz eines jeden Muskels, die Farbe der Inkarnats, das Rot der Lippen, all das trägt zur Perfektion des Gesichts bei. Nofretete verdankt ihre Schönheit auch der Feinheit der fließenden, aber einfachen Gesichtszüge. Sehnen und Muskeln sind straff, der Gesichtsausdruck aktiv, doch nicht angespannt, und auf alles Überflüssige wird mit Bedacht verzichtet. Es ist eine Schönheit, die eher auf einem weniger als auf einem mehr beruht, und deshalb scheint sie auch wie von innen zu strahlen.

Wir wissen jetzt auch dass Charme weit verführerischer ist als Schönheit, und die glückliche Nofretete hatte zweifellos beides. Ihre Ausstrahlung beruht angeblich auch auf den kleinen Fältchen um die Augen, die den Blick beleben.

Im Saal 209 sieht man Vorstudien zur Nofretete, unfertige Skizzen mit Lidern und Augenbrauen, mit einer Oberlippe, mit schwarzen Pinselstrichen gezeichnet wie die Skizze eines heutigen Schönheitschirurgen, oder ein unvollendeter Kopf einer Prinzessin, bei dem der Hinterkopf als Merkmal der Schönheit weit nach hinten ragt. Man merkt, dass der Vollendung der Büste viel Arbeit vorausgegangen war.

Nofretete ist auch in ihrer Darstellung als reife Frau sehr faszinierend. Im Saal 209 steht eine Statue von ihr, in der typischen Haltung mit vorgeschobenem Kopf. Eine vielfache Mutter ist hier dargestellt, ohne Beschönigung der hängenden Brüste, des Bauchansatzes, der vollen Schenkel und runden Hüften.

Eine derartig hochzivilisierte Gesellschaft war durchaus imstande, Schönheit in ihrem ewigen Idealzustand ebenso wie in ihrer alltäglichen und menschlichen Wirklichkeit darzustellen.

( Übersetzt von Christoph Timpe )

3 Jahren vor