Es war einmal…eine Warteschlange

Raffaela Rondini
Alte Nationalgalerie

Das Warten vor dem Eingang zum Pergamon-Museum war am Ende vielleicht gar kein Zeitverlust. Man konnte Leute kennenlernen, Fremdsprachen auffrischen, Voreingenommenheiten bezüglich kleine und große Laster verschiedener Völker und Touristen konnten ins Wanken geraten, um sich dann gleich wieder zu festigen. Man hing stundenlang herum und tauschte Geschichten und Legenden aus, klagte über Wehwehchen, über die Hitze, oder doch eher über die Kälte, oder über das Essen, verteilte Ratschläge, oder man zog sich unter einem Kopfhörer zurück, spielte mit dem Handy, langweilte sich, versteckte sich hinter einem Stadtplan oder einer Zeitung, um von Zeit zu Zeit hervor- und dem Nachbarn in die Augen zu blicken, man knutschte, viel übereinander, kurz, man folgte ergeben dieser weltlich-internationalen Prozession und freute sich über jeden Schritt, den sie uns trotz gezogener Handbremse dem Ziel näherbrachte.

Heute wartet man ganz bequem zu Hause, im eigenen Land, dass die beliebteste und bekannteste Abteilung des Pergamon wieder öffnet, in ein paar Jahren, wenn auch die letzte und ultimative Neueinrichtung fertig ist. Wem die Jahre lang werden, der bedenke dass die Zeit manchmal schnell vergeht. Wenn das Pergamon wieder mit allem drum und dran öffnet,  wird es keine Schlangen vor dem Eingang mehr geben, die Museen werden dann alle durch Tunnel und Gänge miteinander verbunden sein, und die Besucher werden durch alle Säle gleichzeitig strömen wie durch ein System kommunizierender Röhren. Der Fluss der Besucher wird sich hier in einem Konferenzraum verdichten, dort im Restaurant von der kulturellen Überfütterung erholen, und sich ganz zwanglos zwischen den Säulen ergießen, wie es die Philosophen einst zu tun pflegten. Die neue Halle wird den Namen des großen Mäzens James Simon tragen, und ihre schlanken Säulen werden den Blick nach draußen freigeben.

Nach einiger Zeit wird sich dann das unwiderstehliche Bedürfnis einstellen, die Räume, in denen die Gegenstände über Geschichte und Gedankenwelt des Menschen aufbewahrt werden, abermals anders zu nutzen. Und das immer wieder aufs neue, bis ans Ende aller Tage und aller Geschichte, bis alles, Menschen, Kunstgegenstände, Ausstellungsstücke, Museen, wieder ein einem einzigen finalen Urknall verschmelzen.

Aber dieser Moment ist hoffentlich noch fern, so dass man sich bis auf weiteres darum bemüht, Fakten und Manufakte, Taten und Untaten des Menschengeschlechts zu ordnen und zu katalogisieren.

Auf diesen Seiten wollen wir einfach so herumschlendern, neugierig auf diese Insel, die auf knapp einem Quadratkilometer Auszüge aus der gesamten Menschheitsgeschichte birgt. Vielleicht kann man ja etwas interessantes lernen, oder vielleicht werden Gedanken über die Langsamkeit und die Schnelligkeit geweckt, über den Dialog der Gegenwart mit der Vergangenheit, überflüssige Gedanken natürlich, einfach so, wie man sie mit irgendwelchen Leuten in der Schlange austauschen könnte, um die jahrelange Wartezeit etwas zu verkürzen.

Am Ende unserer belanglosen Spekulationen werden wir dann sicherlich feststellen, dass die Insel keineswegs geschlossen ist, sondern ganz offen für Themen, Routen, und vor allem für den Dialog zwischen den Epochen.  Vielleicht merken wir dann auch, dass ja schon einige Jahre vergangen sind, obwohl es uns vorkommt, als seien wir erst seit gestern in der Schlange.

Der Museumsbezirk mit seinen fünf bedeutungs- und ausdrucksstarken Gebäuden wirkt so harmonisch, als ob er immer schon so dagestanden hätte, wobei „immer“ dem vagen Gefühl nach in diesem Fall vielleicht ein paar Jahrhunderte bedeutet. Denn auch das „Klassische“ in Berlin ist sozusagen eine Teenie, ein Jugendlicher von gerade mal 200 Jahren.

Unsere Stadt hat sicher ihre Mängel, aber immer wenn sie sich ein Bauvorhaben in den Kopf setzt, macht sie damit auch ernst, mit vollem Einsatz. Abreißen und energisch neu bauen, das ist zweifellos eine Besonderheit von Berlin, vielleicht ein Fluch, ein Dämon, aber auch Charme, und möglicherweise historisches Schicksal. Als die Museumsinsel geplant wurde, war die preußische Hauptstadt geprägt von Willenskraft, Motivation und aufklärerischen Ideen, entsprechend großformatig waren dann auch die Ergebnisse.

Die fünf Gebäude auf der Insel sind zwar in der Gestaltung alle mehr oder weniger klassisch, aber in ihren kolossalen Dimensionen ganz modern. Einige waren von vornherein dazu ausgelegt, im Inneren große architektonische Fundstücke zu beherbergen, wie sie in geschlossenen Räumen bisher nicht ausgestellt wurden. Andere wieder haben diese Bestimmung erst später und unter Krämpfen entdeckt. Heftige Diskussionen entbrannten zwischen den Traditionalisten, denen die Ausstellung großer Monumente in Sälen unangemessen schien, und den Fortschrittlicheren, die sich den Herausforderungen der Moderne gerne stellten.

Besuchen wir also diese Museumsriesen mit ihrer Mischung aus enthusiastischer Frische und abgeklärter Würde, Modernität und Bombast. Man kann hier der Summa der Menschheitsgeschichte mit lässiger Eleganz entgegentreten, hier und da herumflattern, oder auch mal eine längere Pause einlegen zum Durchatmen bis zur Hyperventilierung, wieder Fahrt aufnehemen, wie es ja die Geschichte auch immer wieder tut. Manchmal mag man unerwartet an einem Detail hängenbleiben, hinter dessen Banalität sich irgendeine Bedeutung offenbart, oder dessen Interesse gerade in seiner Bedeutungslosigkeit liegt.

Unser Fortkommen ist unstet und ungeplant, wie das eines Musikers bei tempo rubato, wo der Rhythmus sich frei dem Ausdruck anpasst und die gefühlte Zeit das Zeitgefühl bestimmt.

Etwa 3 Millionen Besucher kommen jedes Jahr in diese Oase und suchen nach etwas. Dieser Menge Und Vielzahl wollen wir jetzt näherkommen, wenn auch nur in sprunghaften Gedanken. Wollte man sich dagegen darauf einlassen, die Museen tatsächlich persönlich zu besichtigen ohne sich gleich von den drei Millionen bedrängt fühlen zu müssen, dann sollte man sich einen Luxus gönnen wie aus der Werbung eines 5-Sterne-Hotels: man findet sich zur Öffnungszeit am Eingang ein, dann übersteigt die Anzahl des Personals noch die Besucherzahl. Auf einmal fühlt man sich erstaunlich privilegiert, denn man hat direkten Kontakt zu allem Schönen und kann feststellen, dass das Personal, im allgemeinen übrigens ohnehin sehr freundlich, während der ersten Minuten der Arbeitszeit besonders nett ist.

Dabei konnte man, als 1830 das Alte Museum eröffnet wurde, die täglichen Besucher an einer Hand abzählen, sie wurden vom Direktor persönlich empfangen und geführt, nachdem man ihnen aus dem Mantel geholfen und den Hut abgenommen hatte. Heute muss man das schon selber machen, auch wenn man früh erscheint, und die Taschen mit einer 1-Euro-Münze im Schließfach verstauen.

( Übersetzt von Christoph Timpe )

3 Jahren vor