Teufelsberg

Raffaela Rondini

 

Als ich auf halbem Weg stand unsers Lebens,

Fand ich mich einst in einem dunklen Walde,

Weil ich vom rechten Weg verirrt mich hatte.

 

So beginnt die Göttliche Komödie von Dante.

Wir sind jetzt am Teufelsberg, der seinen Namen von einem unterhalb gelegenen alten See bekommen hat, dem Teufelssee. Man gelangt dorthin mit der S-Bahn Bahnhof Grunewald oder Heerstraße.

Der Berg ist mit seinen 126 Metern die höchste Erhebung der Stadt.

Der Dichter geht immer sehr ungern zum Teufelsberg. Er zuckt ergeben mit seinem Schnurrbart, klettert rasch in die Höhe und hofft jedes mal, die Erkundung  bald hinter sich zu bringen.

Er  verschafft sich Ablenkung von seinem Verdruss und tut, was Pfadfinder auf ihren Ausflügen tun. Aber anstatt Pfadfinderlieder zu singen, deklamiert er finster:

 

Der Eingang bin ich zu der Stadt der Trauer,

Der Eingang bin ich zu dem ew’gen Schmerze,

Der Eingang bin ich zum verlornen Volke!

Gerechtigkeit trieb meinen hohen Schöpfer:

Die Allmacht hat der Gottheit mich gegründet,

Die höchste Weisheit und die erste Liebe.

 

Statt die nächste Strophe zu singen, fängt er wieder von vorne an:

 

Der Eingang bin ich zu der Stadt der Trauer,

Der Eingang bin ich zu dem ew’gen Schmerze,

Der Eingang bin ich zum verlornen Volke!

Gerechtigkeit trieb meinen hohen Schöpfer:

Die Allmacht hat der Gottheit mich gegründet,

Die höchste Weisheit und die erste Liebe.

 

[ Hölle, Dritter Gesang, die Inschrift, die Dante am Tor der Hölle liest. Dt Übersetzung von Philalethes, Peter J. Oeslergaard Verlag, übernommen aus Projekt Gutenberg – DE, Spiegel Online ]

 

Ist es Sommer, klatscht er sich heftig auf die Arme und verflucht in seiner Sprache die Mücken: never explain, never apologise! Der Hügel erhebt sich unvermittelt aus dem Grunewald, und da Berlin keine nennenswerten Erhebungen aufweist, wirkt diese Anhöhe wie eine kuriose Anomalie.

Der Hügel ist seit 1950 künstlich geschaffen worden, indem 22 Jahre lang täglich bis zu 7000 Kubikmeter Kriegsschutt angehäuft wurde. 1957 feierte man 10 Millionen abgeladene Kubikmeter, und 1972 war die Arbeit mit 26 Millionen Kubikmeter Bauschutt abgeschlossen, wurde mit Sand und Erde bedeckt und mit einer Million Bäume bepflanzt. Unter dem jungen Wald ruhen also 9 Millionen Kubikmeter bombardierter Häuser, 15 Millionen Kubikmeter ebenfalls im Krieg zerstörter öffentlicher Gebäude und zwei Millionen Kubikmeter  Industrie- und Baurückstände. Es begann damit, dass das ausgebombte Skelett eines Nazigebäudes aufgeschüttet wurde, das an diese Stelle entstand und die Wehrtechnische Fakultät hätte werden sollen, für die Hitler 1937 den Grundstein gelegt hatte. Diese Fakultät hätte Techniker für die Rüstungsindustrie  der Welthauptstadt  Germania ausbilden sollen, der Hauptstadt eines die Welt beherrschenden nationalsozialistischen  Deutschlands. Der Krieg verhinderte indessen die Bemühungen dieser Studenten und das Projekt flog buchstäblich in die Luft. In den 50er Jahren fanden die Amerikaner hier den richtigen Ort um die drei Luftkorridore zwischen Berlin und Bundesrepublik zu überwachen und 1963 richteten sie sich hier einen militärischen Stützpunkt ein.

Läuft man über die Wege, die auf den Gipfel des künstlichen Hügels führen, tritt man praktisch auf das Resultat der alliierten Luftangriffe. Die Trümmer wurden zwar sorgsam bedeckt, aber noch heute gibt die Erde unerwartet untote Kacheln, Ziegelsteine und Mauerreste frei. Besucher die diesen historischen Ort besichtigen wollten trifft man freilich keine, und der Dichter schließt sich offenbar in diesem Punkt der Einschätzung der Touristen an. Never explain, never apologise!  Hier und da sind auf der Flanke der Anhöhe Aussichtsbänke  aufgestellt, mit Blick über den Wald hinweg. Aber selbst die Pärchen meiden diesen finsteren Ort. Im Frühjahr und Sommer wird die Aussicht von der üppigen Vegetation behindert. Die steilen Pfade werden regelmäßig von schwerbepackten Militärtrupps durchzogen. Die unerwartete Begegnung mit so einem versprengten Bataillon kann für Sekundenbruchteile eine panikartige Kriegsangst auslösen. Aber die jungen Uniformierten lächeln und grüßen freundlich wie Wandersleute in den Bergen. Sie trainieren den Marsch in steilem Gelände, wozu ja sonst in der Hauptstadt kaum Gelegenheit ist. Ansonsten trainieren Radfahrer, wohl in Vorbereitung auf die Bergetappen der Tour de France.

1991 sind die Alliierten angezogen, und die Radaranlage für Flugsicherheit blieb auf dem Gipfel  bis 1999. Der Berliner Senat hat 1996 das Gelände an einen Kölner Investor verkauft, der auf dem Hügel ein großes Hotel errichten wollte, ein Resort, wie es hieß. Das Projekt scheiterte 2002 an dem zähen Widerstand der Anwohner. Seit 1915, so argumentierten sie, sei das Gebiet als Naturschutzgebiet ausgewiesen, die neuen Wohngebiete seien ja anderswo entstanden. Teufelsberg wird also voraussichtlich Grünbereich bleiben. Doppelter Stacheldraht umzäunt nach wie vor den Gipfel, wird aber immer wieder von wilden Horden demontiert, denen die Erklimmung der alten, inzwischen verfallenen amerikanischen Anlage  ein Nervenkitzel und die atemberaubende Aussicht über die Stadt die Belohnung ist. Wir treffen auf eine Gruppe von Polen, die für die Überwachung der Anlage und die regelmäßige Instandsetzung  des Zauns zuständig sind und ein Wildschwein-Ferkel streicheln, ihr Maskottchen, mit dem sie umgehen wie mit einem kleinen Hund.

Bei dem Ferkel fühlt man sich leicht an die drei Raubtiere erinnert, denen Dante am Anfang  seines Weges begegnet: dem Panther, Symbol der Unzucht, dem Löwen, Ausdruck der Hoffart, und dem hungrigen Wolf, Sinnbild der Habgier. Das Ferkelchen ist sich keiner modernen Verbindung zu vergangen Symbolen des Bösen bewusst und lässt sich bereitwillig streicheln. Die Arbeitertruppe erzählt, die Mutter des Ferkels hätte zu viele Jungen bekommen und dieses auf dem Hügel zurückgelassen, um in die Stadt zu ziehen.

Man braucht etwa zwei Stunden um die Anhöhe  rundherum zu durchmessen, einige Stellen sind richtig steil. Ein breiter Abhang wurde in den 60er und 70er Jahren als Skipiste und Rodelbahn benutzt. Für einige Zeit wurde auf den Abhängen sogar Wein angebaut, mit einem Ertrag von etwa hundert Litern pro Jahr.

Am Teufelsberg gibt es ehrlich gesagt nichts schönes zu sehen, aber viel seltsames, und darum lohnt sich der Ausflug. Der Dichter schüttelt verneinend den Kopf. Ein Verband zur Erhaltung dieses Orts, Berliner Teufelsberg, bietet Führungen an, mit denen man auch in den einst streng bewachten und jetzt mit doppeltem Stacheldraht verriegelten Bereich gelangt, doch der gehört eigentlich dem Wildschwein, allen oder niemandem.

Der Dichter macht nach wie vor eine traurige und abwesende Miene. Er räuspert sich, wenn man ihn etwas fragt, als ob er gleich ein Geheimnis verraten wollte, bleibt dann aber bei seinem never explain, never apologise und zieht weiter. Macht nichts. Denn 2022 läuft die Geheimhaltung des Militärs über diesen Ort ab, dann wissen wir endlich alles.

Beim Abstieg könnte man bei gutem Wetter noch zu dem kleinen Teufelssee gehen, dem Gegenstück zum Berg: ein in keiner Weise bemerkenswertes Ziel, bloß nackte Körper im Gras und auf den Uferwegen.

Der Dichter legt dann schnell seine Tunika ab, wirft triumphierend seine Brille hinter sich und will sich ins Wasser werfen, stößt aber dank seiner starken Kurzsichtigkeit mit einem Bierbauch zusammen, der gerade dem Nass entsteigt. Zwei Worte der Entschuldigung und tausend Spritzer Erfrischung.

Man lässt den Dichter bei seinem Bad und entfernt sich vom Ufer um sich noch etwas in dem endlosen Grunewald zu verlaufen, bis die Müdigkeit gemahnt, ihn wieder zu verlassen.

 

Übersetzt von Christoph Timpe

[ Die deutsche Übersetzung aus dem dritten Gesang der Hölle ist von Philalethes, Peter J. Oeslergaard Verlag, übernommen aus Projekt Gutenberg – DE ]

 

4 Jahren vor